Simone Dorra
Simone Dorra

Schnipsel

Hier gibt's Textschnipsel, Teaser für neue Bücher oder kleine Extrageschichten. Es lohnt sich immer, mal vorbeizuschauen. :-)

Zu Weihnachten 2015 habe ich eine kleine Szene als spontanes Geschenk für die Leser geschrieben, die mein erstes Buch Fluchmond schon kennen und lieben (oder die es noch gern kennenlernen möchten). Vielleicht macht euch dieser Moment (der nach dem Ende des Buches spielt) ja Lust darauf. 

Wolfsweihnacht

In diesem Jahr war der Schnee nicht gekommen; die Böden blieben braun und nackt, doch anders als in flacheren Gegenden schliefen Knospen und Pflanzen im Boden, anstatt sich von der milden Witterung in einen falschen Frühling treiben zu lassen. 

 

Das alte Leibgedingehaus von Anna Trautwein war von Kerzen erleuchtet und mit Tannengrün geschmückt; im Wohnzimmer stand ein Baum voller Kugeln und Strohsterne. Der kleine Matthias war jetzt drei und ausgesprochen neugierig. Er folgte seinem Vater auf den Fersen, wo immer der auch hinging... aber am Heiligabend blieb er bei Miriam in der Küche, als Ralf das Haus verließ und hinter dem schwarzen Saum des Waldes verschwand. Der Himmel wölbte sich tiefdunkel und sternenklar über der kleinen Lichtung; keine Wolke war zu sehen.

 

Miriam aß mit Matthias und überreichte ihm das große Paket mit Duplosteinen, das sie gemeinsam mit Ralf in Freudenstadt gekauft hatte; den Rest des Abends verbrachte der Junge damit, ein Haus mit vielen Mauern und Fenstern zu bauen, während seine Mutter ihm dabei zusah und das Radio leise Weihnachtslieder spielte. Er war so beschäftigt mit seiner Konstruktion, dass er ganz vergaß, zu fragen, wann sein Vater denn wiederkam... und gegen elf schlief er neben dem fertigen Haus auf dem Teppich ein. Miriam trug ihn ins Bett, deckte ihn zu und küsste ihn auf die Wange. Dann trat sie an das Fenster, zog die Vorhänge zu und schloss das silberne Licht des Vollmondes aus, der dem schlummernden Kind mitten ins Gesicht schien. 

 

Sie blies die letzten Kerzen aus und legte sich hin; wie immer versuchte sie, Ralf in Gedanken auf seinem Weg zu folgen... hinunter ins Tal nach Finkenweiler, in Richtung Glaswaldsee und wieder den Berg hinauf zum Markwardhof, der seit drei Jahren unbewohnt war. Sie schloss die Augen und sah im Geist die langgestreckte, pelzige Gestalt rastlos durch das Unterholz streifen, während die kleinen Tiere vor seiner Witterung flohen und atemlos darauf warteten, dass der Wächter des Waldes vorüberzog. 

 

Die Gedanken wurden zu Träumen und schwanden endlich ganz, während die Nacht verging. Irgendwann wurde sie von einem leisen Geräusch geweckt. Sie öffnete die Augen einen Spalt und sah, dass mattgraues Licht durch einen Spalt in den Gardinen sickerte. 

 

Eine Hand berührte ihre Schulter, ein Arm legte sich um sie und sie wurde an eine warme, nackte Brust gezogen. Miriam lächelte schläfrig, wandte den Kopf und küsste ihren Mann. 

 

„Schön, dass du wieder da bist“, murmelte sie. „Du riechst nach Baumharz – wo bist du gewesen?“ 

 

„Überall diesseits und jenseits des Tales“, erwiderte Ralf. „Es war eine außerordentlich friedliche Nacht.“ 

 

„Hier auch“, sagte Miriam. „Dein Sohn hat sich sehr über seine Bausteine gefreut; vielleicht ziehen wir einen zukünftigen Architekten groß.“ 

 

Sie spürte am Vibrieren seines Brustkorbes, dass er lachte, aber er antwortete nicht gleich. Es war nicht schwer, zu erraten, was er dachte... jeder Sohn seiner Familie hatte nur die wenigen, friedlichen Jahre bis zur Pubertät, bevor sich herausstellte, ob er vom Fluch betroffen war oder nicht. Die Ungewissheit, ob ihr Sohn einmal gezwungen sein würde, sich dem Vollmond zu unterwerfen, hing über ihnen wie ein Damoklesschwert. 

 

Sie drehte sich zu ihm um und lehnte die Stirn an seine bloße Schulter. Die Zeit war nicht gekommen. Sie war entschlossen, sich nicht zu fürchten... noch nicht. 

 

„Ich liebe dich“, sagte er leise. 

 

Miriam blickte auf und geradewegs in seine Augen, golden vom Wolfsfeuer, das er während der Dreinächte nie ganz unter Kontrolle hatte. Sie schmiegte sich an ihn, dankbar für seine Nähe. 

 

„Ich dich auch“, flüsterte sie. „Frohe Weihnachten.“ 

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© Simone Dorra, 2017